09.01.2017

Heiner Brand im Interview

Wenn im deutschsprachigen Raum jemand kompetent die Situation des deutschen Handball Nationalteams, den Rücktritt von Dagur Sigurdsson und die Entwicklung der österreichischen Legionäre beurteilen kann, dann ist es die Handball-Legende Heiner Brand. Sowohl als Spieler, als auch als Trainer, stemmte der 64-Jährige die WM-Trophäe in die Luft. Heute analysiert er als Experte für den Bezahlsender Sky die Spiele der VELUX EHF Champions League.

Das deutsche Handball Nationalteam konnte zuletzt mit dem EM Titel und der Olympiabronzemedaille wieder internationale Erfolge feiern. Diese Erfolge sind unumstritten mit der Person Dagur Sigurdsson verbunden. Was macht er anders als sein Vorgänger Martin Heuberger, bei dem sich diese Erfolgswelle noch nicht einstellen konnte?

Heiner Brand: „Diese Erfolge sind ganz klar mit ihm in Verbindung zu bringen. Jeder Bundestrainer hat seinen eigenen Weg. Die gesamte Entwicklung muss man aber auch in einem ganzheitlichen Zusammenhang sehen. Das Nationalteam ist sehr,sehr breit aufgestellt, mit vielen deutschen Spielern die auch in der Bundesliga spielen und bei ihren Vereinen Verantwortung übernehmen. Wir haben zuvor über zehn, 15 Jahre viel verpasst, weil Nachwuchsspieler nicht in die Bundesliga gekommen sind. Heute spielen sie nicht nur außen auf den Flügeln, sondern besetzen zentrale Positionen“.

Dagur Sigurdsson hat ja angekündigt den DHB zu verlassen. Was war Ihre erste Reaktion als Sie davon gehört haben?

Heiner Brand: „Ich war sehr überrascht, konnte das eigentlich nicht glauben. Ich sah den Weg eigentlich noch nicht am Ende. Wir haben sehr viele junge Spieler die ihre Karriere noch vor sich haben und mit denen wir in den nächsten fünf Jahren noch viel Freude haben werden.“

Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen, da er mit dem DHB Team auch in den kommenden Jahren sicher noch einige Erfolge feiern hätte können?

Heiner Brand: „Ich respektiere und akzeptiere die Entscheidung. Mir fällt es schwer, ich hätte wohl nicht so gehandelt, aber bei mir besteht auch sicher eine größere Bindung als bei ihm als Isländer“.

Die DHB Trainersuche gestaltet sich sehr öffentlich, was von einigen Personen, unter anderem auch von Ihnen kritisiert wurde. Was genau stört Sie an dem Auswahlprozess?

Heiner Brand: „Diesen Auswahlprozess öffentlich auszutragen führt dazu, dass einige Personen beschädigt werden. Und nicht nur sie, auch die Vereine bei denen sie tätig sind. Für Christian Prokop und Markus Baur ist es zurzeit sicher nicht einfach und einer bleibt sicher übrig, weil er nicht der gewünschte Kandidat ist und das ist nicht einfach”.

Diese beiden Namen, Prokop und Baur, werden hoch gehandelt. Wen halten Sie für den geeigneten Nachfolger für Dagur Sigurdsson, der definitiv in große Fußstapfen steigen muss?

Heiner Brand: „Ich werde da keinen Namen nennen. Ich kenne Christian Prokop persönlich nur, weil er vor seiner Knieverletzung Kandidat beim B-Team war. Er leistet jetzt großartige Arbeit. Markus Baur kenne ich seit gut 25 Jahren. Es ist aber nicht meine Aufgabe mich in die Nachfolge einzumischen.“

Das DHB Team steht kurz vor der WM in Frankreich. Was erwarten sie, trotz der vielen hochkarätigen Ausfälle, von der deutschen Auswahl?


Heiner Brand: „Ich erwarte, dass wir vorne mitspielen werden. Man kann nicht immer garantieren, dass man eine Goldene holen kann. Aber auch mit den Ausfällen sind wir immer noch Mitfavorit.“

Mit Saisonbeginn wurden einige neue umstrittene Regeln eingeführt. Wie beurteilen Sie die einzelnen Änderungen und welche Auswirkungen hatten diese aus Ihrer Sicht?

Heiner Brand: „Einige sind aus meiner Sicht eine sehr gute Sache, so wie das passive Spiel. Durch die definierte Anzahl der Pässe hat man eine klare, objektive Zeitbegrenzung geschaffen. Das Foulspiel in den letzte 30 Sekunden mit einer roten Karte und einem 7-Meter zu ahnden, ist richtig. Damit hat man unsportliches Verhalten ausgeschaltet. Umstritten ist die Regel mit dem siebten Feldspieler. Ich muss ehrlich sagen, ich habe diese Gefahr auch nicht gesehen. Ich habe dieses Thema nur am Rande bearbeitet. Diese Regel muss man schnell wieder ändern. Wir erleben gerade eine neue Sportart. Gerade im Nachwuchs, da werden Weitwürfe aus elf, zwölf Metern nicht mehr trainiert, in der Deckung kann man nicht mehr variabel spielen. Auch in den Spitzenteams hat sich dadurch viel verändert, es wird jetzt mehr das individuelle Entscheidungsverhalten trainiert. Das hat mit dem ursprünglichen Handball nichts mehr zu tun. Eine Unterzahl ist in 70% der Fälle keine Bestrafung mehr. Von da her ärgere mich immer, wenn ich es sehe, aber es ist ein legitimes Mittel“.

Kommen wir noch kurz zum Österreichischen Handball. Es spielen aktuell so viele österreichische Legionäre wie nie zuvor in der Deutschen Bundesliga. Welche Österreicher sind ihnen besonders in letzter Zeit, durch ihre Leistungen, positiv aufgefallen?

Heiner Brand: „Natürlich Raul Santos und Max Hermann, auch Christoph Neuhold habe ich mal spielen gesehen. Nikola Bilyk war bei den Spielen, die ich für Sky kommentiert habe, verletzt bzw. nicht topfit. Er hat aber sicher noch eine große Laufbahn vor sich. Zu Robert Weber muss man nicht viel sagen. Insgesamt gute Voraussetzungen für das Nationalteam“.

Aus welchen Gründen glauben Sie, ist der Österreichische Markt für die Deutschen Handballclubs so interessant geworden?

Heiner Brand: „Zum einen ist die Integration wesentlich einfacher als bei Legionären, die die deutsche Sprache nicht sprechen. Wenn man englisch sprechen muss, geht einiges verloren. Österreich hat zudem viel für die Nachwuchsarbeit gemacht, da kommen viele talentierte Spieler nach“.

Das ÖHB Team trifft ja am 09.01. in Kassel auf die deutsche Auswahl. Zuletzt gab es einen Umbruch nach den Rücktritten von Viktor Szilagyi und Vitas Ziura. Was erwarten Sie von dem Spiel und wie sehen Sie das Entwicklungspotential des Österreichischen Teams?


Heiner Brand: „Dass die Deutschen in diesem Spiel Favorit sind, ist klar. Für Österreich geht es darum einen weiteren Schritt nach vorne zu machen. Das Team hat einen guten Mix aus einigen jungen und einigen etablierten Spielern. Das zeigt, dass man die Möglichkeit hat, eine gute Mannschaft aufzubauen. Wichtig wird sein, dass sich ein Führungsspieler aller Szilagyi herauskristallisiert und etabliert“.

Eine abschließende Frage noch zu Ihrer Person. Ist es möglich, dass wir Heiner Brand bei einem interessanten Angebot noch einmal auf der Trainerbank erleben werden?

Heiner Brand: „Nein, das ist ausgeschlossen. Ich habe auch ehrlich keine Lust mehr. Seitdem ich von der Trainerbank weg bin, hatte ich auch keine Lust mehr zurück zu kehren . Das Thema ist ausgestanden. Mit 64 Jahren ist es auch nicht mehr die richtige Zeit um auf der Bank herumzutoben.“