Der Feldhandball

Sepp Steffelbauer
Herma Bauma
WM 1966

Die Blütezeit des Feldhandballs fällt in die Jahre 1932 bis 1934. Wieder waren es politische Ereignisse die den Sport beeinflussten. Im Februar 1934 wurden die Arbeiter-Sportverbände und Vereine behördlich aufgelöst. Viele hervorragende Spieler und Spielerinnen schlossen sich den sogenannten „bürgerlichen“ Vereinen an, deren Spielstärke einen ungeheuren Auftrieb verzeichneten. Andere Gruppen der ASKÖ-Klubs führten Namensänderungen durch und fanden bei Fußballvereinen Unterschlupf. Die Auflösung des Arbeitersports hatte auch zur Folge, dass das ASKÖ-Haus auf dem Währinger Gürtel neue Bestimmungen bekam. Andere Sportverbände traten die Nachfolge an, so auch der ÖHB, der zum ersten Mal ein Sekretariat im hauptberuflichen Geschäftsführer den Sportbetrieb leiten konnte. Der Feldhandball erfreute sich großer Popularität. Nicht selten waren Meisterschaftsspiele von Tausenden Zuschauern besucht.
Dass diese Popularität ins Sinken geriet hatte nicht zuletzt in den oftmaligen Regeländerungen seinen Grund. Die anfängliche Abseitsregel wurde 1948 durch die Fußball-Abseitsregel ersetzt. Die Mannschaften missverstanden das Regelwerk total, die so gefälligen Kombinationszüge gingen verloren, vor dem Wurfkreis tummelten sich alle Feldspieler, egal ob verteidigend oder angreifend. Um diesem „System“ Abhilfe zu schaffen, ließ man sich die Dreiteilung des Spielfeldes, beginnend 35 m  von der Grundlinie einfallen. Sehr zum Missvergnügen der platzbesitzenden Fußballvereine und deren Platzmeister. Die Dreiteilung bestimmte, dass nur sechs Abwehrspieler und sechs Angreifer in dieser Zone spielen durften. Die vielen Markierungslinien nahmen die Fußballer auch zum Anlass immer mehr Handballvereine auf die Straße zu setzen. Überdies benötigten die Fußballer die Termine für den aufstrebenden Jugendbetrieb. Die den Handballern zugestandenen Trainings- und Wettspielzeiten waren sehr ungünstig. Viele Spieler zogen die Konsequenz und kehrten dem Handballsport den Rücken. Das war keine spezifisch österreichische Notlage, auch in den anderen Ländern wurde es den Handballern immer schwerer gemacht, Spiele und Trainings abzuhalten. Die „Konkurrenz“ im eigenen Haus beschleunigte das Ende. Kleinfeld für Frauen (war auch nicht das Wahre, weil es neuerlich die Frage der Spielfelder auf den Plan rief) und Hallenhandball versetzten dem Feldspiel den ersten Todesstoß.

Sieben Weltmeisterschaften im Feldhandball wurden 1938 bis 1966 ausgetragen. Deutschland, Österreich und die Schweiz waren stets die treibenden Kräfte. Bei Deutschland sei zu bemerken, dass es die Bundesrepublik und im Osten die Demokratische Republik gab...Die beiden deutschen Teams standen einander auch im Juni 1966 im Finale gegenüber. Die Bundesrepublik war auf Revanche aus. 1963 in der Schweiz siegte das DDR-Team im Finale. Unglaublich das Interesse. Im Linzer Stadion auf der Gugl registrierte man 21.000 Zuschauer! Ein 15:15-Remis genügte den Bundesdeutschen für den letzten WM-Titel dank des besseren Torverhältnisses. WM-Bronze holte sich das österreichische Team, gefolgt von Polen, der Schweiz und Holland.

Wien, Mai 1945. Die aus den Zwängen der „Ostmark“ befreite Bundeshauptstadt lag in Schutt und Asche. So unglaublich es klingen mag, überlebende Handballfunktionäre marschierten per pedes durch Wien und versuchten Spieler ausfindig zu machen um wieder Mannschaften zu bilden! Der Idealismus dieser Männer und Frauen war nicht zu überbieten. Die sportpolitische Vernunft hielt im Handballsport Einzug. Die Arbeitssportler und „Bürgerlichen“ setzten sich an einen Tisch und beschlossen in Eintracht auch den Aufbau des Verbandswesen zu betreiben. 1946 gesellte sich auch die Union hinzu. Bereits 1945/46 spielten 12 Männer- und 8 Frauenmannschaften Meisterschaft. Der Aufschwung hielt unvermindert an: 1946/47 spielten 34 Männer- und 14 Frauenteams um Punkte, 1947/48 waren es schon 42 Männer- und 25 Frauenmannschaften und alle hatten auch Reserven und viele Jugendmannschaften. Die Bundesländer standen im Aufbau nicht nach und 1947 kam es sogar zu ersten Staatsmeisterschaften  der Männer und Frauen, deren Durchführung der steirische Handballverband übernommen hatte, weil in Graz die Quartier- und Verpflegungsprobleme am ehesten zu lösen waren. Insgeheim rechneten die Steirer auch mit beiden Titeln, die der G.A.K. und die Damen von Post-Graz holen sollten. Dem war nicht so. Bei den Herren stellte der ATSV Linz die beste Mannschaft, bei den Damen war es Danubia Wien.

International wieder präsent
Nicht nur auf nationaler Eben ging es aufwärts, sogar im internationalen Spielverkehr kehrte Österreich wieder zurück.  Den Akteuren waren die Länderkämpfe besonders willkommen, konnte man sich doch im Ausland endlich einmal satt essen und sogar die einen oder anderen Lebensmittel mit in die Heimat nehmen. Zu einer Reise ins Schlaraffenland wurde für das Frauen- und Männerteam die zweiwöchige Tournee nach Frankreich, die dank der guten Beziehungen von Alice Kaufmann zum französischem Verband zustande kam. Am 24. November 1946 spielten die Männer in Fougeres. Bei der Präsentation der Mannschaften wurde für Österreich einige Takte aus „An der schönen blauen Donau“ gespielt. Mit der Aufmachung der Mannschaft war kein Staat zu machen. Trainingsanzüge gab es keine, die Burschen trugen lange Hosen, die Leibchen waren einheitlich ramponiert. Auf dem Spielfeld war Österreich aber kein armer Schlucker. Mit 12:5 (7:3) wurden die Franzosen in einem Lehrspiel besiegt.

Eine kleine Anekdote: Die Verpflegung war so großartig, dass die Spieler stets mit übervollem Magen herumspazierten, auch im Match. Als der Seitenläufer „Tschusti“ Geißler einen Bodenpass zu Mittelstürmer Ludwig Schubert spielte, konnte der sich kaum bücken und reif Geißler zu: „Wannst no so an Pass machst, kotz i mi an“. Nach dem Länderspiel folgten noch Städtespiele in Lyon und Mülheim im Elsaß, beide wurden gewonnen. Gewonnen haben die Spieler auch auf der Waage: Gewichtszunahmen von 5 bis 6 kg waren die Norm. Die Damen spielten in Niort und siegten 7:3. Auch sie profitierten von der überschwenglichen Gastfreundschaft, waren aber doch auch auf die Linie bedacht. Österreich hatte also bald wieder Anschluss an den internationalen Spielverkehr gefunden. Dem Länderspiel gegen Frankreich folgten Spiele gegen Schweden und die Schweiz. Sportliche Erfolge blieben damals dem Team versagt. Der Neuaufbau war doch schwieriger, es galt die richtige Mischung zwischen älteren Routiniers und jungeren Kräften zu finden.

Olympiasilber in Berlin
Der größte olympische Erfolg war dem österreichischem Handball Bund 1936 bei den Spielen in Berlin beschieden. Das Männerteam gab sich erst im Finale gegen Deutschland geschlagen und belegte den zweiten Rang. Das Olympia Aufgebot war groß. Folgender Kader fuhr zum Olympiaturnier: Tor: Alois Schnabel, Fritz Maurer; Franz Bartl, Franz Berghammer, Franz Brunner, Franz Bistricky, Hans Houschka, Emil Juracka, Ferdinand Kiefler, Josef Kreicy, Otto Licha, Anton Perwein, Siegfried Powoly, Siegfried Purner, Walter Reisp, Alfred Schmalzer, Ludwig Schubert, Hans Tauscher, Jaro Volak, Leopold Wohlrab, Fritz Wurmböck, Hans Zehetner.
Goldmedaille: Deutschland
Silbermedaille: Österreich
Bronzemedaile: Schweiz

Zum Abschied WM-Bronze
Insgesamt wurden sieben Weltmeisterschaften im Feldhandball von 1938 bis 1966 ausgetragen. Die letzte sollte für Österreich auch die erfolgreichste sein. Gegen die Schweiz wurde in Wien auf dem Red Star mit dem 17:15-Sieg die Bronzemedaille errungen. Das waren die Weltmeisterschaften:
1938 Deutschland: 1. Deutschland, 2. Schweiz, 3. Ungarn
1948 Frankreich: 1. Schweden, 2. Dänemark, 3. Schweiz
1952 Schweiz: 1. BRD, 2. Schweden, 3. Schweiz
1955 Deutschland: 1. BRD, 2. Schweiz, 3. CSSR
1959 Österreich: 1. BRD/DDR, 2. Rumänien, 3. Schweden
1963 Schweiz: 1. DDR, 2. BRD, 3. Schweiz
1966 Österreich: 1. BRD, 2. DDR, 3. Österreich

Im Spiel um den dritten Platz war der „Bomber der Nation“, der Linzer Sepp Steffelbauer, mit zwölf Treffern der Matchwinner. Im Finalspiel zwischen den Teams aus der Bundesrepublik und der DDR auf der Linzer Gugl waren 21.000 Zuschauer dabei! Den Deutschen aus dem Westen genügte ein 15:15 für den Titelgewinn. Das bessere Torverhältnis gab den Ausschlag.

Silber für die Damen
Nur drei WM-Turniere auf Großfeld gab es bei den Damen. 1949 wurde in Ungarn gespielt. Ungarn siegte vor Österreich und der CSSR. 1956 wurde in Deutschland gespielt. Den Titel holte sich Rumänien vor der Bundesrepublik und Ungarn. Silber für Österreich gab es beim letzten Turnier in Holland. Platz 1 ging an Rumänien, Platz 2 an Österreich und Platz 3 an BRD/DDR. Deutschland stellte eine „Gesamtdeutsche“ Elf, in der nach dem Proporz aufgestellt wurde. Der westdeutsche „Mister Handball“, Siegfried Perrey, wachte mit der Stoppuhr wie lang fünf Spielerinnen aus dem Westen und sechs aus dem Osten, bzw. umgekehrt spielen durften. Dass unter diese Bedingungen von Einheit keine Spur zu sehen war, war allen klar...

Vereine als Botschafter
Als 1945 aus der „Ostmark“ wieder Österreich enstanden war, konnte auch wieder an einen internationalen Spielverkehr der Vereine geschritten werden. Auslandsreisen waren sehr begehrt, insbesondere in die Schweiz, Deutschland und in skandinavische Länder, sowie Frankreich. Spieler und Spielerinnen wussten die vollen Fleischtöpfe zu genießen! Sie wurden auch zu Botschaftern unseres Landes und knüpften viele freundschaftliche Bande. Bei den Männern waren der W.A.C., Polizei, Ostbahn XI am reiselustigsten, bei den Frauen waren die Danubianerinnen wahre Globetrotter. Bereits 1947 und 1948 fuhren sie nach Frankreich, 1949 nach Ungarn, 1950 14 Tage quer durch Deutschland (mit Siegen gegen den norddeutschen Meister Werder-Bremen und gegen den deutschen Meister Schwarz-Weiß Wuppertal). Es verging kein Jahr ohne Auslandsreisen bis nach Dänemark und 1966 als letztes Ziel 14 Tage in Israel. Als sich in Österreich, im besonderen in Wien, die Quartier- und Lebensmittelsituation zu normalisieren begann, konnten auch Gegeneinladungen ausgesprochen werden. Die Freunde aus dem Ausland kamen gerne nach Wien und zeigten viel Verständnis, dass das Gebotene das Maximum war. Leider wurden die „Elferhandball“ spielenden Nationen immer weniger, der Hallenhandball wurde zur übermächtigen Konkurrenz. 1971 war endgültig Schluss. Die Übersiedlung in die Hallen wurde durch Errichtung von Rundhallen, der Wiener Stadthalle und auch in den Bundesländern in geeigneten Turnhallen und Hallenbauten möglich.