Magic Moments

Europameister FRA
Island-Fan
Björgvin Gustafsson (ISL)
Maskottchen Magic
Igor Vori (CRO)
Thierry Omeyer (FRA)
Olafur Stefansson (ISL)

DJ Ötzi hatte mit seinem EM-Song "Magic Moments feel so good!" vollkommen recht: die 9. EHF Handball-Europameisterschaft im Jänner 2010 in Österreich schreibt magische Geschichte: mit dem größten Handball-Event auf österreichischem Boden, dem Triple für Frankreich und einem Handballfest für ganz Europa.

Wenn Islands Kapitän Olafur Stefansson die Bronzemedaille nach bereits absolvierter "Kabinen-Party" mit der legendären DJ Ötzi-Haube in Empfang nimmt, Frankreichs Guillaume Gille den höchsten Mann im Staat, Bundespräsident Heinz Fischer, mittels Champagnerdusche an seiner Freude über das Triple für Les Bleus teilhaben lässt und Kapitän Jerome Fernandez heiser, aber heiter beim hochoffiziellen Bankett ein "Sweet Caroline! OhOhOh!" in die ehrwürdigen Hallen des Wiener Rathauses schmettert und fast der ganze Saal mitsingt, dann weiß man: es ist Handball Euro 2010 in Österreich.

"Danke Österreich!", "Es waren tolle zwei Wochen!", "Die Bedingungen waren perfekt!" - die Komplimente nach der Durchführung der 9. Europameisterschaft wollen nicht abreißen, selbst aus Ländern, die bei dieser Euro nicht ganz so viel Glück hatten wie der Weltmeister von 2007, Deutschland. Nichts wird bei der größten Sportveranstaltung 2010 in Österreich dem Zufall überlassen: die Hallen in Innsbruck, Linz, Graz, Wiener Neustadt und Wien werden tiptop ausgestattet, die Teams sind in unmittelbarer Nähe zu den Hallen in Top-Hotels untergebracht, die Fans stürmen die Hallen und machen viele Spiele für unsere Gäste zu Heimspielen: Graz wird zur Hochburg der kroatischen Fans, die das Team in die Hauptrunde tragen, in Wiener Neustadt verbrüdern sich tausende Ungarn und Tschechen, machen die Arena Nova zum Hexenkessel, die deutsche Mannschaft kann in Innsbruck "Heimspiele" bestreiten und Linz wird zum rot-weiß-roten Mekka. Zum ersten Mal vor einer EURO tourt bereits im Vorfeld das Maskottchen Magic durch alle 16 teilnehmenden Länder. EHF Präsident Tor Lian: "Wir sind sehr zufrieden, der österreichische Handballbund hat einen hervorragenden Job gemacht. Wenn Juan Antonio Samaranch hier gewesen wäre, hätte er gesagt "the best games ever"."

Triple für Les Bleus.
Nur kurz dürfen sich Zocker freuen, die auf alles Andere als Frankreich als Europameister gewettet haben: der Olympiasieger und Weltmeister schwächelt zu Beginn, lässt Ungarn und Spanien je einen Punkt, rettet sich mit einem hauchdünnen Sieg gegen Tschechien in die Hauptrunde. Ab da kommt der französische Handball-TJV ins Laufen: Siege gegen Deutschland, Slowenien und Polen und im Halbfinale gegen Island bringen die L´Equipe ins Finale. Frankreich hat mehr Superstars als andere Nationen Spieler: den perfektesten Handballer, Nikola Karabatic, den zweifachen Welthandballer Thierry Omeyer, Bertrand Gille als Vorbild für eine einzigartig kämpferische Einstellung, eine sehr gute Verteidigung unter der Regie Didier Dinarts, blitzschnelle Flügelspieler wie Abalo und Guigou oder Air France Daniel Narcisse. Frankreich bleibt die Weltmacht im Handball: nach dem Olympiasieg 2008 und dem Weltmeistertitel 2009 krönt sich die Grande Nation 2010 auch zum Europameister: im Finale lassen sie den Stars aus Kroatien in einer überwiegend mit kroatischen Fans ausverkauften Wiener Stadthalle keine Chance, gewinnen verdient 25:21. Bronze holt sich Island nach einem knappen Sieg gegen Polen. Platz 5 geht an Titelverteidiger Dänemark nach Sieg gegen Spanien.

Negative Bilanz. Deutschland schlittert bei der Euro 2010 ins schlechteste EM-Ergebnis ever: Die Weltmeister von 2007 verlieren vor "Heimpublikum" in Innsbruck zum Auftakt gleich gegen Polen, schaffen mit einem Remis gegen Slowenien und einem Sieg gegen Schweden gerade noch die Hauptrunde, können aber auch dort nicht punkten. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass ein paar Weltmeister im Team noch keine Europameister-Mannschaft machen. Noch schlimmer erwischt es den Rekord-Europameister Schweden: kein einziger Sieg, null Punkte, rote Laterne  - man verlässt sich sichtlich auf das Motto "verpatzte Generalprobe..." denn im Jänner 2011 findet in Schweden die IHF Weltmeisterschaft statt.

Gelebte Integration. Dass Sport Völker verbinden kann, wissen wir. Dass internationale Fans gemeinsam feiern können, wissen wir auch. Die EURO allerdings hat bewiesen, dass Integration im Sport völlig politfrei stattfindet: bei den Hauptrundenspielen in Wien jubeln tausende Fans ihrem Team zu, peitschen sie bis ins Finale. Nach Ende der Kroatien-Spiele tauschen genau diese Fans das Kroatien-Dress gegen das mitgebrachte Österreich-Dress, die rot-weiß-blaue gegen die rot-weiß-rote Fahne – die Stadthalle ist wieder in österreichischer Hand. Und selbst, als Österreich gegen Kroatien nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen verliert, gibt es ein gemeinsames gellendes Pfeifkonzert von Österreichern und Kroaten. - Gelebte Integration mit Gerechtigkeitssinn. - Magic Moments der anderen Art.

Wintermärchen im Wintersportland

Nationalteam AUT
Dagur Sigurdsson
Patrick Fölser
Thomas Bauer
Nationalteam AUT
Nikola Marinovic & Thomas Bauer

Wir waren immer eine Skination, ein Land der Skispringer und Rodler. Seit Jänner 2010 sind wir noch ein bisschen mehr. Oder wie die österreichische Tageszeitung Der Standard titelt: "Heimat, bist Du großer Handballer!".  

Drei Tage vor Beginn der Europameisterschaft witzelt die angesehene deutsche Tageszeitung FAZ über Österreichs Handball: "Armes Austria. Jetzt soll die Nation mal erleben, dass es doch noch was Anderes gibt als Berge und Schnee und Schanzen und ein bisschen Fußball, jetzt darf sie den Handball kennenlernen." Es sollte in den kommenden zwei Wochen anders kommen. Ganz anders.

"Realismus hat im Sport nichts verloren!", mit diesen Worten tritt der Isländer Dagur Sigurdsson im März 2008 seinen Job als Nationalteamtrainer des österreichischen Männer-Nationalteams an.  Die wenigsten glauben nach 15 Jahren, in denen es mit der Qualifikation für ein Großereignis nicht geklappt hat, an die Wiedergeburt eines Wunderteams.  Zwei Jahre später schreibt der Isländer mit seinen Jungs österreichische Sport-Geschichte: Kapitän Viktor Szilagyi und Co. feiern bei der Heim-Europameisterschaft zwei Siege und ein Unentschieden und belegen sensationell Platz neun.

Traumtor vor Traumkulisse. Nach perfekter Vorbereitung in Bad Leonfelden geht’s für das Nationalteam um konzentrierte Vorbereitung: ein Grund, warum das Team als einziges nicht im EHF Teamhotel bei Dänemark, Island und Serbien wohnt und damit selbst die österreichische Presse verwirrt: bis zuletzt bleibt das Hotel der ヨsterreicher ein gut gehütetes Geheimnis. Gegen Europameister Dänemark sind die Chancen zwar da, können aber nicht genützt werden. Das Spiel gegen Island rüttelt eine ganze Nation wach, macht tausende Sport- zu Handballfans: in der kochenden Tips Arena liegen die Österreicher 47 Sekunden vor Schluss 34:37 zurück. Das Herzschlagfinish ist nichts für schwache Nerven: Roland Schlinger verkürzt, Nikola Marinovic wehrt ab, Bernd Friede gelingt der Anschlusstreffer und dann die Sternstunde des Max Wagesreiter: Olafur Stefansson verliert den Ball, Max Wagesreiter versenkt über 30 Meter den Ball im Tor der Isländer. Martin Abadir kommentiert: "Ich hab´ gedacht, der ist deppert!" Österreich holt den allerersten Punkt bei einer Europameisterschaft. Patrick Fölser: "Dass ich so etwas erleben darf, das macht mich sprachlos!" Wagesreiter bekommt eine eigene "Max Wagesreiter Handballgott"-Facebook-Gruppe, auf youtube sind die 47 Sekunden der Renner. Nur zwei Tage später machen die Österreicher im bis auf den letzten Platz gefüllten Hexenkessel von Linz das "Wintermärchen" perfekt: Torhüter Thomas Bauer macht sich als "Hexer" einen Namen, Österreich besiegt Serbien 37:31 und zieht als vermeintlicher Underdog mit einem Sieg und einem Unentschieden in die Hauptrunde ein. Thomas Bauer: "Die gefühlten 400.000 Zuschauer in der Halle haben uns zum Sieg und in die Hauptrunde getragen." Das österreichische Team löst eine noch nie dagewesene Euphorie aus: Die österreichischen Gazetten überschlagen sich in Lobeshymnen: vom "neuen Wunderteam" ist ebenso die Rede wie von "So etwas wie Cordoba" oder dem "Europameister der Herzen". Die tausenden Ticketanfragen der Fans für die Österreich-Spiele in der Hauptrunde in Wien legen den Ticketserver lahm, selbst ein Hotel für das Team musste – nach bewährtem Sigurdsson-Konzept ohne die übrigen Teams – rasch gesucht werden: denn jeder im österreichischen Team hatte auf die Hauptrunde gehofft, davon geträumt, es kühl einberechnet aber hatte niemand.

In Wien muss Österreich im Spiel gegen Norwegen dem Kräfteverschleiß Tribut zollen, gegen Vize-Weltmeister Kroatien gipfelt die Euphorie: fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen inklusive roter Karte für Trainer Dagur Sigurdsson bringen die Stadthalle zum Beben, die "Schiebung"- und anschlie゚enden "Immer wieder Österreich"-Rufe sind nicht zu überhören. Österreichs Nationalteam hat einen neuen Status erreicht, den sie im Schlusspiel gegen Handball-Großmeister Russland in der ausverkauften Wiener Stadthalle noch steigern: Die Jungs gewinnen 31:30 gegen Trainer-Großmeister Maximov und holen sich den verdienten 9. Platz bei dieser EM. Und sie haben Lunte gerochen: Viktor Szilagyi: "Wir haben gesehen, dass wir gegen jede Nation Chancen haben, das wollen wir weiterführen. Für die Mannschaft war jeder einzelne Tag dieser Vorbereitung und dieser EURO eine Riesenfreude. Jetzt wollen wir das Wintermärchen bei der Weltmeisterschaft 2011 fortsetzen." Ende der letzten Saison gehen gleich drei Awards der Handballer des Jahres-Wahl an das Nationalteam: der für die "Beste Mannschaft", Dagur Sigurdsson wird als "Bester Trainer" und Roland Schlinger als "Handballer des Jahres" geehrt.

Kurz vor Ende der Europameisterschaft titelt die Süddeutsche Zeitung mit der bitteren Erkenntnis nach zwei Wochen EM in Österreich: "Die Pointe zum schlechtesten EM-Abschneiden einer deutschen Auswahl seit Einführung des Turniers: sogar hinter Österreich." Tu, felix Austria!