Wintermärchen im Wintersportland

Nationalteam AUT
Dagur Sigurdsson
Patrick Fölser
Thomas Bauer
Nationalteam AUT
Nikola Marinovic & Thomas Bauer

Wir waren immer eine Skination, ein Land der Skispringer und Rodler. Seit Jänner 2010 sind wir noch ein bisschen mehr. Oder wie die österreichische Tageszeitung Der Standard titelt: "Heimat, bist Du großer Handballer!".  

Drei Tage vor Beginn der Europameisterschaft witzelt die angesehene deutsche Tageszeitung FAZ über Österreichs Handball: "Armes Austria. Jetzt soll die Nation mal erleben, dass es doch noch was Anderes gibt als Berge und Schnee und Schanzen und ein bisschen Fußball, jetzt darf sie den Handball kennenlernen." Es sollte in den kommenden zwei Wochen anders kommen. Ganz anders.

"Realismus hat im Sport nichts verloren!", mit diesen Worten tritt der Isländer Dagur Sigurdsson im März 2008 seinen Job als Nationalteamtrainer des österreichischen Männer-Nationalteams an.  Die wenigsten glauben nach 15 Jahren, in denen es mit der Qualifikation für ein Großereignis nicht geklappt hat, an die Wiedergeburt eines Wunderteams.  Zwei Jahre später schreibt der Isländer mit seinen Jungs österreichische Sport-Geschichte: Kapitän Viktor Szilagyi und Co. feiern bei der Heim-Europameisterschaft zwei Siege und ein Unentschieden und belegen sensationell Platz neun.

Traumtor vor Traumkulisse. Nach perfekter Vorbereitung in Bad Leonfelden geht’s für das Nationalteam um konzentrierte Vorbereitung: ein Grund, warum das Team als einziges nicht im EHF Teamhotel bei Dänemark, Island und Serbien wohnt und damit selbst die österreichische Presse verwirrt: bis zuletzt bleibt das Hotel der ヨsterreicher ein gut gehütetes Geheimnis. Gegen Europameister Dänemark sind die Chancen zwar da, können aber nicht genützt werden. Das Spiel gegen Island rüttelt eine ganze Nation wach, macht tausende Sport- zu Handballfans: in der kochenden Tips Arena liegen die Österreicher 47 Sekunden vor Schluss 34:37 zurück. Das Herzschlagfinish ist nichts für schwache Nerven: Roland Schlinger verkürzt, Nikola Marinovic wehrt ab, Bernd Friede gelingt der Anschlusstreffer und dann die Sternstunde des Max Wagesreiter: Olafur Stefansson verliert den Ball, Max Wagesreiter versenkt über 30 Meter den Ball im Tor der Isländer. Martin Abadir kommentiert: "Ich hab´ gedacht, der ist deppert!" Österreich holt den allerersten Punkt bei einer Europameisterschaft. Patrick Fölser: "Dass ich so etwas erleben darf, das macht mich sprachlos!" Wagesreiter bekommt eine eigene "Max Wagesreiter Handballgott"-Facebook-Gruppe, auf youtube sind die 47 Sekunden der Renner. Nur zwei Tage später machen die Österreicher im bis auf den letzten Platz gefüllten Hexenkessel von Linz das "Wintermärchen" perfekt: Torhüter Thomas Bauer macht sich als "Hexer" einen Namen, Österreich besiegt Serbien 37:31 und zieht als vermeintlicher Underdog mit einem Sieg und einem Unentschieden in die Hauptrunde ein. Thomas Bauer: "Die gefühlten 400.000 Zuschauer in der Halle haben uns zum Sieg und in die Hauptrunde getragen." Das österreichische Team löst eine noch nie dagewesene Euphorie aus: Die österreichischen Gazetten überschlagen sich in Lobeshymnen: vom "neuen Wunderteam" ist ebenso die Rede wie von "So etwas wie Cordoba" oder dem "Europameister der Herzen". Die tausenden Ticketanfragen der Fans für die Österreich-Spiele in der Hauptrunde in Wien legen den Ticketserver lahm, selbst ein Hotel für das Team musste – nach bewährtem Sigurdsson-Konzept ohne die übrigen Teams – rasch gesucht werden: denn jeder im österreichischen Team hatte auf die Hauptrunde gehofft, davon geträumt, es kühl einberechnet aber hatte niemand.

In Wien muss Österreich im Spiel gegen Norwegen dem Kräfteverschleiß Tribut zollen, gegen Vize-Weltmeister Kroatien gipfelt die Euphorie: fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen inklusive roter Karte für Trainer Dagur Sigurdsson bringen die Stadthalle zum Beben, die "Schiebung"- und anschlie゚enden "Immer wieder Österreich"-Rufe sind nicht zu überhören. Österreichs Nationalteam hat einen neuen Status erreicht, den sie im Schlusspiel gegen Handball-Großmeister Russland in der ausverkauften Wiener Stadthalle noch steigern: Die Jungs gewinnen 31:30 gegen Trainer-Großmeister Maximov und holen sich den verdienten 9. Platz bei dieser EM. Und sie haben Lunte gerochen: Viktor Szilagyi: "Wir haben gesehen, dass wir gegen jede Nation Chancen haben, das wollen wir weiterführen. Für die Mannschaft war jeder einzelne Tag dieser Vorbereitung und dieser EURO eine Riesenfreude. Jetzt wollen wir das Wintermärchen bei der Weltmeisterschaft 2011 fortsetzen." Ende der letzten Saison gehen gleich drei Awards der Handballer des Jahres-Wahl an das Nationalteam: der für die "Beste Mannschaft", Dagur Sigurdsson wird als "Bester Trainer" und Roland Schlinger als "Handballer des Jahres" geehrt.

Kurz vor Ende der Europameisterschaft titelt die Süddeutsche Zeitung mit der bitteren Erkenntnis nach zwei Wochen EM in Österreich: "Die Pointe zum schlechtesten EM-Abschneiden einer deutschen Auswahl seit Einführung des Turniers: sogar hinter Österreich." Tu, felix Austria!

Ranking: Platz 9

AUT vs. DEN

29:33 (15:17)

Ziura (7), Weber (6), Fölser (5), Schlinger, Szilagyi (4), Hojc (2), Abadir (1)

AUT vs. ISL

37:37 (17:20)

Szilagyi (10), Wilczynski (9), Schlinger (7), Fölser (5), Friede (3), Weber (2), Wagesreiter (1)

AUT vs. SRB

37:31 (15:18)

Szilagyi (9), Weber (8), Wilczynski (6), Friede (4), Fölser (3), Mayer, Wagesreiter, Ziura (2), Abadir (1)

AUT vs. NOR

27:30 (12:15)

Schlinger (6), Friede, Wilczynski, Ziura (4), Weber (3), Szilagyi (2), Fölser, Günther, Knauth, Mayer (je 1)

AUT vs. CRO

23:26 (10:11)

Schlinger, Szilagyi (je 5), Weber (3), Abadir, Friede, Ziura (je 2), Fölser, Günther, Wagesreiter, Wilczynski (je 1)

AUT vs. RUS

31:30 (17:15)

Weber, Schlinger, Wilczynski (je 6), Günther, Szilagyi (je 4), Friede (3), Fölser, Hojc (je 1)